10. Juni 2020

Frisch durch die heissen Sommer

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Im vergangenen Jahrhundert sind die Temperaturen in der Deutschschweiz um 1,3 Grad Celsius angestiegen. Die Prognosen zeigen, dass diese Entwicklung weiter geht; ein zusätzlicher Anstieg um 2 Grad Celsius ist sehr wahrscheinlich, verbunden mit einer grossen Anzahl Hitzetage, welche besonders unangenehm sind. Über 26 Grad Celsius im Büro oder beim Einschlafen will vermieden werden. Als Folge davon werden wir Gebäude künftig weniger heizen, dafür mehr kühlen. Um auch im Sommer angenehme Innenraumtemperaturen zu haben, bedarf es einer umsichtigen Planung. Denn was wir heute bauen, muss unter Berücksichtigung der Lebensdauer eines Gebäudes auch den klimatischen Bedingungen in 50 Jahren genügen. 

Andreas Meyer Primavesi im Interview:

  1. Darf man ein Minergie-Haus aktiv kühlen?
    Ja, das darf man. Man muss aber den damit verbundenen Energiebedarf in die Minergie-Kennzahl einberechnen. Wenn der Strom für das Klimagerät vom eigenen Dach stammt, ist aktiv kühlen ökologisch verträglich. Im Sommer haben wir genug erneuerbaren Strom in der Schweiz – im Vergleich zum Winter. Eine Kühlanlage, die effizient ist und professionell installiert wurde, kann in Kombination mit einer kleinen Batterie zu über 70% mit Strom vom eigenen Dach betrieben werden. Aber kühlen muss oft nicht sein!
  2. Angenehme Temperaturen im Hitzesommer – ohne Kühlung?
    Ein professionell gebautes und betriebenes Gebäude trotzt der Sommerhitze erstaunlich gut und lange. Wobei nach der dritten Tropennacht in Folge auch das ideal gebaute und betriebene Gebäude irgendwann 26 Grad Celsius im Innenraum aufweist. Aber auch das ist immer noch wesentlich besser als 33 Grad Celsius oder mehr.
  3. Was heisst „ideal gebaut“?
    Der Sommerliche Wärmeschutz, wie Hitzeschutz in Fachkreisen genannt wird, muss von Anfang an in der Planung berücksichtigt werden. Die Volumetrie und die Orientierung eines Gebäudes, aber auch die Ausbildung der Fassade sind entscheidend. Die entscheidenden Einflussfaktoren in einer frühen Planungsphase sind der Fensteranteil, die Beschattung und die Wärmespeicherfähigkeit. Ideal sind Gebäude mit viel Speichermasse und einem ausgewogenem Fensteranteil gegen Osten, Süden und Westen. Dabei muss die Balance zu anderen wichtigen Aspekten, wie z.B. Tageslichtzufuhr oder Energiebilanz im Winter (Nutzen der Wärme, die durch die Fenster kommt) gewahrt werden. Einfach auf Fenster verzichten wäre plump und raubt Tageslicht. Das geht auch anders.
  4. Und was heisst „ideal betrieben“?
    Hier gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie die Haustechnik den Komfort im Sommer erhöht. Besonders wichtig ist, dass die Fenster im Sommer vor der direkten Sonneneinstrahlung geschützt sind. In der Regel mit einem beweglichen, aussenliegenden Sonnenschutz (Storen, Markisen). In Bürogebäuden sollte dieser automatisiert sein, aber auch im Wohnungsbau nimmt die Automatisierung zu. Das Minergie-Modul Sonnenschutz kombiniert z.B. einen optimalen Sonnenschutz mit einer abgestimmten Steuerung.
  5. Und wenn das zu wenig nützt, muss man kühlen?
    Nein, zuerst spielt noch die Nachtauskühlung eine wichtige Rolle. So dass der nächste Hitzetag mit dem Temperaturniveau der Vornacht startet. Das gelingt insbesondere in den frühen Morgenstunden und sollte in Verwaltungsbauten oder Schulen ebenfalls automatisiert sein, sei es über gesteuerte Fenster oder in Kombination mit der Lüftungsanlage. Einbruchschutz und Schutz vor Regen und Wind sind zu berücksichtigen.

    Und wenn das Kühlen in Frage kommt, so sollte unbedingt die Möglichkeit des Geocooling geprüft werden – womit als Nebeneffekt auch die Erdsonden regeneriert werden. Die damit mögliche Absenkung der Innenraumtemperatur um 2 bis 4 Grad Celsius erhöht den Komfort an Hitzetagen erheblich. So kommen wir auf meist 26 Grad Celsius statt weit über 30. Wird die elektrische Energie für das Geocooling mit der eigenen PV-Anlage produziert, ist die Ökobilanz solcher Systeme sehr gut.

    Und erst, wenn alle baulichen und betrieblichen Massnahmen trotz einigermassen sinnvollem Verhalten der Nutzenden nicht ausreichen, soll und darf ein Gebäude auch aktiv gekühlt werden. Das ist übrigens nicht trivial, eine Begleitung durch spezialisierte Planer lohnt sich eindeutig. Von einem Einsatz günstiger Klimageräte aus dem Bauhaus raten wir dringendst ab.


Was tut Minergie?
Minergie-Bauten brauchen viel weniger Energie, sind frei von fossilen Brennstoffen und wirken damit dem Klimawandel entgegen. Aufeinander abgestimmte Anforderungen reduzieren eine Überhitzung. So wird z. B. ein rechnerischer Nachweis verlangt, der aufzeigt, dass es im Gebäude an maximal 100h/Jahr über 26.5 Grad Celsius heiss wird – viermal weniger als in konventionellen Bauten. Auch wird dem sommerlichen Wärmeschutz im dreistufigen Minergie-Zertifizierungsprozess grosse Relevanz beigemessen. Viele Projekte müssen nachgebessert werden. Ebenfalls leistet die Lüftung einen wichtigen Beitrag an die Nachtauskühlung. Zusätzlich reduzieren die Vorgaben an die Energieeffizienz für Geräte und Beleuchtung die internen Lasten. Und dank der bei Minergie obligatorischen Eigenstromproduktion wird die Umweltbilanz von Geocooling und Kühlgeräten stark verbessert.

Der Erfolg von Minergie beruht vor allem darauf, dass Umweltschutz mit Komfort verbunden ist. Wir stehen dafür ein, dass dies auch im künftig heisseren Sommer möglich ist.