Coronavirus und Innenraumklima im Minergie-Haus

Update am 24.03.2020

Da sich zahlreiche Nutzer erkundigen, wie man ein mechanisch belüftetes Haus in Zeiten des Coronavirus optimal betreibt, informiert der Verein Minergie in Absprache mit Experten des Bundesamts für Gesundheit BAG und der Hochschule Luzern, IGE über die wichtigsten Fakten rund um Coronaviren in Gebäuden.

Wohnen und Arbeiten in Minergie-Gebäuden stellt kein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung mit dem Coronavirus dar. Mit der luftdichten Gebäudehülle und dem steuerbaren Luftwechsel kann besser als in manuell belüfteten Häusern ein optimales Innenraumklima geschaffen werden. Viele Minergie-Gebäude sind mit einem Lüftungssystem ausgestattet. Obwohl solche in ganz Europa seit einigen Jahrzehnten auch im Wohnungsbau weit verbreitet sind, tauchen immer wieder Unsicherheiten rund um das Thema Lüftung auf. Dabei sorgen Lüftungen für kontinuierlich frische Luft im Innenraum und verhindern auch Schimmelbildung. Beides ist gesundheitlich sehr wichtig.

Unabhängig davon, ob es sich um ein Minergie- oder ein herkömmliches Haus mit einem Lüftungssystem handelt, gelten rund um Coronaviren vier Grundsätze:

1. Das Risiko einer Tröpfcheninfektion bei einem kleinen Abstand (wie es bei Familien typisch ist) hängt kaum von der Raumluftfeuchte und dem Grad der Durchlüftung im Raum ab. Daneben kann das Coronavirus durch direkte Kontakte (Hände, Türfallen, Wasserhähne, usw.) übertragen werden. Eine reine Übertragung durch die Luft ist bisher nicht nachgewiesen (1, 3). Die mit Abstand wichtigsten Massnahmen sind daher die vom Bundesamt für Gesundheit BAG kommunizierten Hygienemassnahmen wie Händewaschen, Abstand halten usw. Dies unabhängig davon, ob Sie sich draussen oder drinnen resp. in einem über Fenster oder mechanisch belüfteten Gebäude befinden (2).

2. Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, ob sich das Coronavirus oder andere Erreger in mechanisch belüfteten Gebäuden weniger oder mehr verbreiten als in manuell belüfteten Häusern. 

a) Die Verbreitung von Viren über luftgetragene Partikel ist sehr unwahrscheinlich. Es wurde noch nie eine Ansteckung mit dem Coronavirus über luftgetragene Partikel nachgewiesen (1, 3).

b) In jedem Gebäude findet je nach Druckverhältnissen und Anlagenkonzept ein Luftaustausch zwischen Wohn- und Nutzungseinheiten statt. Es kann also auch bei Lüftungen nicht völlig ausgeschlossen werden, dass bei massgeblicher Infiltration von Abluft in die Zuluft (z.B. Umluftanlagen, Rotations-WRG mit ungünstigen Druckverhältnissen etc.) Viren aus der Abluft in die Zuluft gelangen. Entsprechend empfiehlt der Europäische Fachverband REHVA bei Vorhandensein diese Funktionen / Anlageteile temporär auszuschalten (3).

c) Eine Übertragung über die Aussenluft (mechanische Lüftung oder Fensterlüftung) gilt als äusserst geringes Risiko. Heute übliche Filterstufen (F7 resp. ISO ePM1 50%) bieten einen ausreichenden Schutz, um selbst dieses Restrisiko zu reduzieren. Es wird weder empfohlen höhere Filterstufen einzusetzen, noch die Filter häufiger zu wechseln (3). 

d) Es gibt aber viele wissenschaftliche Studien, welche belegen, dass die Luftqualität in manuell gelüfteten Gebäuden die international anerkannten Hygiene-Anforderungen z.B. des BAG oder der SIA bei weitem nicht erreichen. Erwiesen ist, dass die Filter der Lüftung helfen, das Risiko von Heuschnupfen zu senken. Dadurch werden die Schleimhäute weniger gereizt und das Infektionsrisiko gegenüber Viren sinkt. Eine kontinuierliche Zufuhr von frischer Luft bewirkt ausserdem, dass Konzentrationen von Stoffen mit Ursprung im Innenraum (also auch Viren) tief gehalten werden.

3. Nicht belegbar sind Aussagen, dass eine Lüftung mehr Viren «aufwirbelt». Die natürliche Luftströmung ist insbesondere in Wohnungen wesentlich stärker als der Strömungseffekt einer Lüftung.

4. Eine relative Luftfeuchtigkeit von 30% bis 50% ist für den Menschen optimal (3, 5). Eine zu tiefe Raumluftfeuchtigkeit trocknet Haut und Schleimhäute an Augen, Nase und Rachen vermehrt aus und ist ganz unabhängig von den Diskussionen rund um den Coronavirus unangenehm. Eine zu hohe Luftfeuchtigkeit fördert die Schimmelbildung (4). Zur Vermeidung von zu trockener Raumuft an kalten Tagen empfiehlt Minergie folgende Massnahmen:

a) Nicht überheizen. Angemessen ist eine Innenraumtemperatur von 20 - 21°C. Wenn in einem überheizten Raum die Temperatur von 24°C auf 21°C gesenkt wird, steigt die relative Luftfeuchte z. B. von 29 % auf 35 % an. Die nun saisonbedingt steigenden Aussentemperaturen sind diesbezüglich positiv.

b) Reduktion der Luftmengen, ohne dass die Luftbelastung in den unhygienischen Bereich fällt. Als Faustregel gilt: Bei Abwesenheit oder geringer Personenbelegung soll die Lüftung auf die tiefste Stufe eingestellt, aber nicht abgeschaltet werden (3). Offene Zimmertüren tragen dazu bei, dass auch bei normaler Wohnungsbelegung und kleinen Luftraten in der ganzen Wohnung eine gute Raumluftqualität resultiert. Messgeräte für die Bewertung der Innenraumluftqualität sind im Fachhandel verfügbar – gemäss SIA soll die CO2-Konzentration den Wert von 1'400 ppm nicht übersteigen. CO2 ist eine verlässliche Messgrösse, um die allgemeine Luftqualität zu bestimmen. Die zusätzliche Belüftung über das Öffnen von Fenstern ist auf ein Minimum zu reduzieren, weil die kalte Aussenluft die Luft im Innern zusätzlich austrocknet.

c) Einbringen von Feuchtigkeit sofern nötig: Zusätzliche Feuchtigkeit kann u.a. mit Pflanzen eingebracht werden. So hat z.B. die Papyrus-Pflanze eine sehr hohe Verdunstungsleistung. Die Nutzung der in modernen Geräten möglichen Feuchterückgewinnung (sog. Enthalpietauscher, siehe auch Grundsatz 2) oder (vor allem in Bürobauten) die temporäre aktive Befeuchtung der Luft mit Luftbefeuchtern ist zu prüfen, wenn die vorher genannten Massnahmen keinen Erfolg zeichnen. Bei Luftbefeuchtern ist der Hygiene im Betrieb gebührend Aufmerksamkeit zu widmen, denn schlecht gewartete Geräte können selbst zu Keimschleudern werden (5).

Quellen:

(1) Webseite der WHO mit Fragen / Antworten zu COVID-19: https://www.who.int/news-room/q-a-detail/q-a-coronaviruses

(2) Webseite des BAG zum neuen Coronavirus: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/so-schuetzen-wir-uns.html

(3) Covid Guidance Document, REHVA, Version vom 17. März 2020: https://www.rehva.eu/fileadmin/user_upload/REHVA_covid_guidance_document_2020-03-17_final2.pdf

(4) Webseite des BAG zu Schimmel und Feuchtigkeit: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/gesund-leben/umwelt-und-gesundheit/wohngifte/gesundes-wohnen/feuchtigkeitsprobleme-und-schimmel.html

(5) Artikel SRF zu Raumklima mit Quellenangaben, 2017: https://www.srf.ch/news/panorama/der-hype-ums-perfekte-raumklima  


Für Fragen steht die Minergie-Infoline in Basel, Sion und Bellinzona zu Ihrer Verfügung.

Wir wünschen gute Gesundheit und trotz der notwendigen Distanz grosse Zwischenmenschlichkeit.

Andreas Meyer Primavesi
Geschäftsleiter Verein Minergie
061 205 25 51