15. September 2026

Zur Premiere: Das Hallenbad für die nationale Schwimmelite

In Tenero entsteht aus der Feder der Arbeitsgemeinschaft Studio Burkhardt + Stücheli Pestalozzi Schiratzki Architekten (kurz: COOPI Architekten) das neue nationale Schwimmsportzentrum. Architekt Thomas Schiratzki spricht im Interview über ihre Visionen und die Herausforderung bei ihrem ersten Hallenbadprojekt. Das Hallenbad soll 2027 fertiggestellt sein.

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Die geöffnete Fassade verwandelt das Hallenbad in ein Aussenbad. Visualisierung: COOPI Architekten / UFCL / OVI Images GmbH

Thomas Schiratzki, was war Ihre Vision, als Sie Ihren Entwurf für das neue Hallenbad in Tenero erstellt haben?
Der Grundstein für die Idee dieses Projekts liegt im Ort und im Areal des Centro Sportivo di Tenero. Der Ort besitzt aufgrund der Natur, des Sees, der Berge und vor allem auch aufgrund der Kinder, Jugendlichen und Sportlerinnen und Sportler eine einzigartige Energie und Offenheit. Diese Qualitäten bildeten für unseren Wettbewerbsbeitrag den Ausgangspunkt: Wir wollten ein offenes und transparentes Gebäude für alle schaffen.

Wie wird sich diese Offenheit und Transparenz im Gebäude widerspiegeln?
Die leicht erhöhte Betonplattform, auf der die Innen- und Aussenbecken aufgereiht sind, verstehen wir als ein weiteres Sportfeld, das wir dem Campus hinzufügen wollten – mit einer maximal möglichen Offenheit zum bestehenden Areal. Die vollständig öffenbare Fassade führt diese Haltung weiter. Bereits im Entwurf war für uns deshalb klar, dass die Tragkonstruktion, welche dieses Öffnen der Fassade überhaupt ermöglicht, den architektonischen Ausdruck des Gebäudes wesentlich prägen muss.

Viele Ihrer Konkurrentinnen und Konkurrenten hatten eine Konstruktion geplant, die das Dach hätte öffnen lassen – Sie nicht. Weshalb?
Genau. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, «nur» die Fassade öffenbar zu konzipieren. Die ursprüngliche Idee war, das Innenbecken in den Sommermonaten möglichst stark mit dem Aussenraum zu verbinden und damit gewissermassen in ein Aussenbecken zu verwandeln. Die verschiebbaren Fassadentore waren für uns im Entwurfsprozess von Beginn an auf verschiedenen Ebenen die pragmatischere und damit auch robustere Lösung als ein öffenbares Dach. Ein wesentlicher Vorteil dieses Ansatzes ist zudem, dass die Dachflächen somit für Haustechnik und Photovoltaikanlagen genutzt werden können.

Wie viel Strom soll auf dem Dach produziert werden?
Wir befinden uns aktuell noch in der Werkplanung der Anlage. Nach heutigem Planungsstand gehen wir davon aus, dass auf dem Dach rund 480 Photovoltaikmodule der neuesten Generation installiert werden. Die Anlage wird voraussichtlich eine Spitzenleistung von rund 245 Kilowatt-Peak erreichen und jährlich etwa 280'000 Kilowattstunden Strom produzieren. Wir gehen davon aus, dass ein grosser Teil dieser Energie direkt vom Schwimmsportzentrum genutzt werden kann. Aufgrund des hohen und relativ konstanten Energiebedarfs eines Hallenbads besteht hier grundsätzlich ein guter Eigenverbrauch. Gleichzeitig wird das Gebäude insbesondere zu bestimmten Zeiten weiterhin Strom aus dem Arealnetz beziehen müssen. Umgekehrt erwarten wir, dass nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der PV-Produktion als Überschuss ins Arealnetz eingespeist wird.

Gab es aufgrund der Vorgaben spezielle Herausforderungen zu meistern?
Dies ist unser erstes Hallenbad, das wir planen und bauen dürfen. Ehrlich gesagt wäre das allein schon eine ausreichende Herausforderung. Ein Hallenbad ist aufgrund der sehr spezifischen Gebäude- und Badewassertechnik, aber beispielsweise auch aufgrund des Korrosionsschutzes, anspruchsvoll zu planen und zu bauen. Bei unserem Projekt kommt im Vergleich zu einem konventionellen Hallenbad zusätzlich die öffenbare Fassade hinzu und damit verbunden ein aussenliegendes Tragwerk aus Stahl. Dieses ist starken Temperaturschwankungen und damit erheblichen Längenänderungen ausgesetzt, die konstruktiv aufgenommen werden müssen.

Gibt es weitere Herausforderungen?
Wir bauen unmittelbar am See und in einem Gebiet mit hohem Grundwasseraufkommen. Das hat die gesamte Tiefbauplanung und insbesondere die Planung der Baugrube stark geprägt. Eine weitere Besonderheit im Vergleich zu anderen Hallenbädern ist die sehr heterogene Nutzendengruppe. Vom Kind bis zur Spitzensportlerin muss das Gebäude unterschiedlichsten Anforderungen gerecht werden und das in raschem Wechsel. Dies erfordert ein besonders flexibles Gebäudekonzept.

Dieses Objekt ist bereits provisorisch Minergie-zertifiziert. Wo liegen die Herausforderungen bei einem Hallenbad?
Grundsätzlich muss man sich bewusst sein, dass beheizte Hallenbäder und – noch viel mehr – beheizte Aussenbäder einen sehr hohen Energiebedarf haben. Der Entscheid, eine solche Nutzung überhaupt zu realisieren, ist aus meiner Sicht deshalb bereits mit Abstand einer der grössten Hebel. In Tenero haben wir allerdings gute Voraussetzungen: Die benötigte Wärme und Kälte kann über Grundwasser-Wärmepumpen bereitgestellt werden, die den dafür notwendigen Strombedarf zu einem grossen Teil über die Photovoltaikanlage des Areals erhalten.

Sie haben es angesprochen: Ein Hallenbad benötigt sehr viel Energie. Wie wird trotzdem ein hoher Grad an Energieeffizienz erreicht?
Die Kompaktheit des Gebäudes hat bereits im Wettbewerb eine zentrale Rolle gespielt. Wir haben das Gebäudevolumen bewusst möglichst kompakt entwickelt. Dies wurde unter anderem dadurch möglich, dass wir die Tragkonstruktion weitgehend aus dem Gebäude herausgenommen haben. Die Gebäudehülle und vor allem die Dächer liegen dann innerhalb des aussenliegenden Tragwerks. So konnten wir die notwendigen Raumhöhen erreichen, ohne das Gebäudevolumen unnötig zu vergrössern. Auch die Gebäudehülle ist grundsätzlich sehr effizient. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die öffenbare Fassade dar. Sie muss trotz einer Zugschienen-ähnlichen Führung für die grossen beweglichen Tore insbesondere im Winter eine gute Luftdichtheit gewährleisten. Daneben setzen wir auf energieeffiziente Gebäudetechnik und eine möglichst umfassende Wärmerückgewinnung – unter anderem bei der Lüftung, bei den Wasserkreisläufen der Becken und beim Duschabwasser.

Hat das Gebäude noch andere klimafreundliche Merkmale?
Wir sind überzeugt, dass wir ein sehr langlebiges, flexibles und zukunftsfähiges Gebäude geplant haben – soweit sich dies heute beurteilen lässt. Ein Gebäude, das auch in vielen Jahrzehnten noch funktioniert und sich an veränderte Anforderungen anpassen lässt, ist aus unserer Sicht eine der nachhaltigsten Entscheidungen, die wir als Architekten treffen können.

Wie zeigt sich dies?
Wir haben beispielsweise grossen Wert auf eine konsequente Systemtrennung gelegt. So können die Haus- und Badewassertechnik, die Wärmedämmung oder auch die Becken zu einem späteren Zeitpunkt erneuert oder angepasst werden, ohne dass grössere Eingriffe in die Primärstruktur des Gebäudes notwendig werden. Gleichzeitig möchten wir aber auch festhalten, dass die Materialisierung des Gebäudes mit einem hohen Anteil an Stahl, Beton und Glas aus heutiger Sicht nicht mehr zwingend unsere erste Wahl wäre. Hinsichtlich der grauen Energie würden wir heute vermutlich versuchen, mit anderen konstruktiven und materiellen Ansätzen einen kleineren ökologischen Fussabdruck zu erreichen.

Bei Hallenbädern steht auch oft der hohe Wasserverbrauch in der Kritik. Was für Lösungen haben Sie in diesem Bereich umgesetzt?
Der Wasserverbrauch war ein wichtiger Aspekt bei der Planung. Durch die Wahl des Badewasseraufbereitungsverfahrens und die Speisung mit Grundwasser können wir den Bedarf an hochwertigem Trinkwasser für den Betrieb deutlich reduzieren. Auch die Mehrfachnutzung des Wassers war und ist ein Thema. Bei den hygienischen Anforderungen hat sich in den letzten Jahren allerdings einiges verändert. Unter den heute geltenden Anforderungen soll das aufbereitete Betriebswasser bei uns beispielsweise nur noch für die Tropfbewässerung eingesetzt werden.

Haben Sie in Bezug auf die Klimafreundlichkeit weitere Massnahmen getroffen?
Weitere klimarelevante Massnahmen sind unter anderem der Einsatz natürlicher Kältemittel, das ökologisch wertvolle Retentionsbecken für das Dachwasser sowie die Berücksichtigung von Minergie-ECO-Kriterien, wo dies möglich und sinnvoll ist. Für Hallenbäder gibt es zwar keine Minergie-ECO-Zertifizierung, trotzdem haben wir gemeinsam mit dem Bauphysiker versucht, relevante Kriterien so weit wie möglich in die Planung einfliessen zu lassen.