Performance Gap

In Kürze 

  • Studien zum Performance Gap weisen im Einzelfall Abweichungen im Wärmeverbrauch von Wohnbauten zwischen -45% und +45% aus. Im Mittel liegen die Abweichungen bei etwas über 10%.
  • Effiziente Gebäude schneiden bei einer relativen Betrachtung schlecht ab – dennoch sind die Gebäude in absoluten Werten sehr energieeffizient.
  • Studien zeigen, dass bei Minergie-Einfamilienhäusern sowie Minergie-P und Minergie-A die realen Energieverbräuche im Durchschnitt klar unter den berechneten Grenzwerten liegen.
  • Der mit Abstand wichtigste Grund für den Mehrverbrauch von Energie ist das Nutzerverhalten (Innenraumtemperatur, Bedienung Sonnenschutz, Lüftungsverhalten).

Einleitung

Heutige Neubauten weisen gemäss Berechnungen einen sehr tiefen Energieverbrauch für Raumwärme und Warmwasser auf. Es stellt sich nun die Frage, ob der reale Verbrauch auch wirklich dem berechneten Verbrauch entspricht oder ob es einen sogenannten Performance Gap gibt. Der Energie Performance Gap entspricht dem Unterschied zwischen berechnetem Bedarf und effektiv gemessenem Verbrauch und kann positiv (mehr Verbrauch) oder negativ (weniger Verbrauch) sein.

Man unterscheidet vier Komponenten, welche den Performance Gap beeinflussen:

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Abbildung: White Paper EBP Schweiz, 2019

Performance Gap in der Schweiz

Es wurden in den letzten Jahren einige Studien zum Performance Gap veröffentlicht. Diese unterscheiden sich jedoch bezüglich Systemgrenzen und Methoden, weshalb es schwierig ist, daraus eindeutige, quantitative Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die Studien der letzten Jahre zeigen in ihrer Mehrheit, dass der reale Wärmeverbrauch bei neu erstellten Wohngebäuden in der Schweiz im Durchschnitt höher ist als ursprünglich berechnet. Wie die folgende Abbildung zeigt, kommt es dabei in einzelnen Gebäuden, unabhängig vom Durchschnitt, zu massiven Über- oder Unterschreitungen der berechneten Werte.

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Abbildung: White Paper EBP Schweiz, 2019, mit Daten aus ParkGap Studie, BFE 2018

Der Mehrverbrauch hängt vor allem mit dem Energieverbrauch für die Raumwärme zusammen, denn gemäss den Studien ist beim Warmwasser der gemessene Verbrauch im Schnitt tiefer als der Standardwert in der Norm SIA 380/1.

Bei Minergie-Einfamilienhäusern liegen die realen Energieverbräuche, im Gegensatz zu den Mehrfamilienhäusern, mehrheitlich unter den berechneten Grenzwerten. Bei Minergie-P und Minergie-A Gebäuden konnte in einer Studie (GAPxPLORE, BFE 2019) ein klar negativer Performance Gap nachgewiesen werden. Bei Neubauten sind das -12% für Minergie-P und -16% für Minergie-A und bei Sanierungen -18% für Minergie-P und -5.3% für Minergie-A weniger Energieverbrauch als berechnet. Diese Zahlen bestätigen somit, dass es heute möglich ist, sehr ehrgeizige Energieziele zu erreichen und die Minergie-Baustandards dabei eine gute Hilfestellung bieten.

Ursachen des Performance Gaps

Gemäss den Studien ist die Hauptursache für den Mehrverbrauch von Energie in Mehrfamilienhäusern das Nutzerverhalten. Das heisst die Bewohner haben höhere Raumtemperaturen (rund 22.5°C statt 20°C gem. Norm), öffnen das Fenster in der Heizperiode öfters als erwartet oder nutzen den Sonnenschutz im Winter anders als die Standardnutzung gemäss SIA-Norm dies vorsieht (Verminderung der passiven solaren Erträge). Dies führt dazu, dass der effektive Bedarf höher liegt als der Standardbedarf.

In der Tendenz scheint auch der technische Gap im Bereich Gebäudetechnik zu Mehrverbrauch zu führen. Wie gross der Anteil ungenügender Gebäudetechnik (Fehler in der Planung und im Bau oder in der Inbetriebnahme und während des Betriebs) oder Abweichungen an der Gebäudehülle am technischen GAP ist, kann aufgrund der bestehenden Studienlage nicht klar beantwortet werden. Die anderen Komponenten Klima-Gap und Modellierungs-Gap spielen gemäss aktuellen Erkenntnissen eine untergeordnete Rolle.

Vorsicht bei relativen Aussagen

Grundsätzlich können relative Aussagen zur energetischen Qualität zu falschen Schlussfolgerungen führen, insbesondere bei hoch effizienten Gebäuden: Wird in einem Neubau ein Grad wärmer geheizt als gemäss Standard und liegen zudem die solaren Einträge tiefer, da im Winter der Sonnenschutz häufiger genutzt wird, kann dies zu einem absoluten Mehrbedarf an Heizwärme von z.B. 13 kWh/m2a führen. Dies bedeutet in einem Neubau eine relative Zunahme von 87%, beim Altbau entspricht der gleiche Zuschlag nur einer relativen Zunahme von +11%. Relative Aussagen bergen daher die Gefahr, dass in absoluten Werten immer noch sehr gute Gebäude als schlechter wahrgenommen werden als nicht sanierte Altbauten. 


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Abbildung: White Paper EBP Schweiz, 2019, mit Daten aus Immogap Studie, BFE 2018

Ansätze zur Verminderung des Performance Gaps

Grundsätzlich gibt es drei mögliche Handlungsfelder, um den Performance Gap zu minimieren.

1. Anpassung der Normwerte an die neuen Realitäten (Innenraumtemperaturen, Wohnflächenbedarf, Klimawandel etc.)
2. Verhinderung und Optimierung von ineffizienter Gebäudetechnik
3. Verhaltensänderungen durch Information und Sensibilisierung

Mit einer Anpassung der Normwerte könnte der Performance Gap wohl grösstenteils behoben werden. Dies würde allerdings zwei Nachteile mit sich bringen: Einerseits wird damit der reale Verbrauch nicht vermindert, sondern der höhere Verbrauch wird im Gegenteil legitimiert. Andererseits müsste als Folge der Anpassungen in den SIA-Normen auch die Energiegesetze angepasst werden, was viel Zeit benötigen würde.

Die Erhöhung der Effizienz der Gebäudetechnik wäre machbar und würde den Verbrauch effektiv senken. Im Sinne der Prävention müsste die Inbetriebsetzung höher gewichtet werden und in allen Gebäuden ein Energiemonitoring installiert werden (siehe Minergie-Anforderungen seit 2017). Anschliessend sind die Gebäude periodisch betrieblich zu optimieren, sei es aufgrund der Ergebnisse des Monitorings, im Sinne einer Steigerung des Komforts oder regelmässiger Kontrollen. Auch bauliche Massnahmen können helfen (z.B. die Nachrüstung eines innenliegenden Blendschutzes), so dass der Nutzer ungünstiges Verhalten (im Winter bei Sonnenschein Rafflamellenstoren senken) gar nicht in Erwägung ziehen muss. Aus- und Weiterbildungsprogramme für Planer und Betreiber wären wichtig.

Die Sensibilisierung der Nutzenden für ein energieeffizientes Verhalten hat am meisten Potenzial, ist aber aufwändig. Mit Rückmeldungen zum Verbrauch und dem Vergleich mit Standardwerten (Energiemonitoring mit Benchmark) kann eine Sensibilisierung teilweise erreicht werden. Allerdings zeigen Studien, dass der Effekt der Visualisierung von Verbrauchsdaten mit der Zeit stark abnimmt. Zeitgleiche Informationen der Nutzenden beispielsweise zur Bedienung des Sonnenschutzes im Winter, Stosslüften, der Auswirkung einer Absenkung der Innenraumtemperatur oder zum Warmwasserverbrauch könnten zu einer erheblichen Absenkung des Verbrauchs führen. Es ist bezeichnend, dass vor allem die für Umweltthemen überdurchschnittlich affinen Bewohner von Minergie-Einfamilienhäusern die Bedarfswerte meist unterschreiten. 

Quellen